Charmant und spielfreudig Leipzig erlebte einen Bob Dylan jenseits aller Düsternis

 


No photos, kläffte ein Schild, gleich neben dem Messehallen-Eingang. Nein,
keine Chance, Bob Dylan beim Tour-Auftakt in Leipzig abzulichten. Zu dumm.
Wer glaubt einem jetzt den Bericht über einen charmanten, ausgelassenen und
spielfreudigen Dylan? So mancher wird sich erinnern an Gotha 1993, wo er
mit versteinerter Miene sein Programm spulte.
Noch trüber waren die Aussichten für Leipzig, denn der alte Brummbär (57)
legte zuletzt mit "Time Out Of Mind" sein bislang düsterstes Werk vor. Doch
es sollte anders kommen in der bestuhlten Halle mit ihrem herben Charme. Es
begann damit, daß
spätgekommene Fans sich lieber stehend vor der Bühne einfanden. Das war die
erste Lockerungsübung des Abends, die zweite ging aufs Konto des Sängers.
Dylan kam zwar in Schwarz, doch nicht mit der Schwermut des aktuellen
Materials, sondern mit "Maggie's Farm" und sogleich dem ersten längeren
Gitarrenduell. Überraschend blieben die neuen Songs bis auf drei Ausnahmen
außen vor. Statt ihrer wurde nach Herzenslust abgerockt: "Shelter From The
Storm" und "Silvio" zum Beispiel. Euphorisch beklatscht wurde wenig später
der semiakustische Set: "Hard Rain" und insbesndere "Tangled Up in Blue",
als Blue Grass gespielt inklusive einem weiteren fulminanten Fingerflitzen
entlang den Saiten.
An dieser Stelle hatte Dylan bereits alles gegeben, was man zu hoffen
wagte, aber da kam er erst richtig in Fahrt. Wieder die Elektrische
umgehängt, bog er auf "Highway 61 revisitend" ein und schmetterte plötzlich
ein muskulöses "Yeeaah" ins völlig verdutzte Publikum. Selbiges hatte
jedoch kaum Zeit zur Besinnung, denn jetzt ließ sich His Bobness immer
stärker treiben vom Groove seiner Musik. Zwei Schritte nach links, eine
Drehung nach rechts, erst wippten die Kniekehlen und dann der ganze Körper.
Und zu guter Letzt lachte der Kerl auch noch, lachte in sich und das
Publikum hinein, lachte so unverschämt oft, daß selbst seine Begleitmusiker
nur noch den Kopf schütteln konnten ob ihres Chefs. Als wäre das alles
nicht genug, ging nach drei Zugaben das Saallicht noch mal an, und Dylan
strafte eine weitere Legende Lügen: jene nämlich, daß er mit Vorliebe seine
Klassiker bis zur Unkenntlichkeit vernuschelt und verstümmelt. Von wegen.
Das letzte Lied sang er so sauber, wie er es nur vermag. Dafür gab es aus
dem Publikum eine Blume, die sich Dylan artig abholte, bevor er sich mit
"Thank you everybody" verabschiedete.
Das letzte Lied, das war "Blowin in the wind". Und nur der Wind dürfte
wissen, wie es zu diesem seltenen Ereignis kam.

- Michael John (Thüringer Allgemeine 4 juni 1998)
Einmal quer durch die Rockgeschichte geplügt